Eine alte Lebensregel aus dem Vogelberg lautet: "Heirate nie den Berg hinauf". Denn mit zunehmender Höhe nimmt die Rentabilität der Betriebe und ihr Wert aufgrund der schlechten Wuchsbedingungen ab. Hinzu kommt, dass als Folge der erbbedingten Realteilung - der Besitz wird gleichmäßig unter den Kindern aufgeteilt - Kleinbetriebe vorherrschen. Nur durch Heirat konnte man seinen Betrieb wieder vergrößern. Bereits aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts wird berichtet, dass es im Hohen Vogelsberg üblich war, "Hütekinder" aufzunehmen. Bei vorherrschender Grünlandwirtschaft und einem hohen Anteil landwirtschaftlich gebundener Bevölkerung war die Pro-Kopf-Produktivität sehr niedrig. Häufig war daher nicht einmal das Geld für eine Koppelanlage und schon garnicht für Maschinen da. Die Hutehaltung war somit sehr arbeitsintensiv. Wenn ein Landwirt keine eigenen Kinder als Hilfe hatte, war er auf Fremdarbeiter angewiesen. Für kleine Betriebe waren die Lohnkosten aber zu hoch, so dass hier ein hoher Bedarf nach "Hütekinder" bestand. Die Kinder kamen aus großen Städten wie Darmstadt, Hagen, Frankfurt und Berlin und blieben in der Regel einen Sommer oder auch mehrere Jahre. Sie kamen aus sozial schwachen Familien, die froh waren, ihre Kinder einen Sommer lang vom Hals zu haben und etwas dazu zu verdienen. Hütewirtschaft wurde im Vogelsberg noch sehr lange betrieben. Erst seit den 50er Jahren hat man Weiden im großen Stil eingekoppelt.
Heuernte
 
Die Landwirtschaft ist noch heute ein wichtiger Erwerbszweig für die Bevölkerung. Aufgrund des rauhen Klimas überwiegt im Hohen Vogelsberg die Grünlandnutzung. Die Wiesen des Vogelsberges sind durch Rodungen, Waldweide und sich anschließender Grünlandnutzung aus den natürlichen Wäldern hervorgegangen. "Hütekinder" führten die Tiere in kleinen Gruppen über die gemeinschaftlichen Weiden. Traditionell verbreitet waren auch einschürige Heuwiesen. Sie wurden im Juli gemäht und teilweise mit Rindern nachbeweidet. Als Vielzwecktier wurde das Vogelsberger Rote Höhenvieh bei der Feldarbeit eingesetzt, lieferte Milch für die Familie deckte nach der Schlachtung den Fleischbedarf eines ganzen Jahres. Heute ist es nahezu ausgestorben und durch Hochleistungsrassen ersetzt worden.
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts setzte eine staatlich gelenkte Aufforstung ertragsarmer Huteflächen im großen Maßstab ein. Im Generalkulturplan von 1904 sind 2858 ha des Hohen Vogelsberges als Gemeindeweiden verzeichnet. Auf Grundlage des Planes sind fast alle Hutungen aufgeforstet nach Bodenverbesserungen ihre Nutzung intensiviert worden. Die letzten großflächigen Hutweiden des Vogelsberges wurden in den 50er Jahren im Rahmen von Flurbereinigungen entsteint, parzelliert und gekoppelt. Der noch heute verbreitete Knotengitterzaun wurde mit staatlicher Unterstützung eingeführt. Nach dem Entsteinen der Grünländer konnten die Flächen auch gemäht und intensiver genutzt werden. Die intensivere Koppelhaltung hat schnell zu einer Umwandlung der Borstgrasrasen über Rotschwingelweiden zu Weidelgrasweiden geführt.
 

Hecken und Feldgehölze sind nach wie vor ein prägendes Element der Vogelsberglandschaft. Ihre Entsteheungsgeschichte ist enf mit der Geschichte der Landwirtschaft und den natürlichen Bedingungen verknüpft. Die steinigen Mischböden wurden schon immer überwiegend als Grünland genutzt. Von Beginn an trug man die oberflächlichen Steine und Blöcke ab und schichtete diese an der Grenze zum Nachbarflurstück, an Wegen oder entlang von Böschungen als Wälle auf. Im Vogelsberg mit seinen zahlreichen natürlichen Blockhalden existieren genügend Pflanzenarten, die derartige Lesestein- oder Blockwälle und -riegel schnell besiedeln können. Aufkommende Gehölze wurden zur Brennholzgewinnung regelmäßig auf den Stock gesetzt, so dass Pioniergehölze und ausschlagfreudige Arten maßgeblich am Gehölzaufbau beteiligt sind. Heute wird hier kaum noch Brennholz geschlagen. Mittlerweile bestimmen alte, strukturreiche Baumhecken das Bild der Heckenlandschaften.

 

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