Allerhand Käse aus Klein-Eichen

Ein Schaf gibt im Jahr um die 250 Liter Milch, die »Jahresleistung« einer Kuh liegt bei rund 10 000 Litern. Naturgemäß daher der Preisunterschied. Als ein namentlicher unbekannte Vorfahre den Joghurt erfand, verwendete er nicht Kuh-, sondern Schafmilch. Wer mit den Betreibern der »Klein- Eichener Hofkäserei« plaudert, erfährt manch Neues. Vor allem aber bietet sich ihm die Chance auf neue spannende Geschmackserlebnisse. Wie jene, die das »Bissige Schaf« beschert.

Aufgewachsen im nordhessischen Neustadt, erlernte Udo Senczkowski den Beruf des Kfz-Schlossers, hängte ein Maschinenbau-Studium dran und ging für jeweils ein halbes Jahr nach Japan und in die USA. Wieder zurück, brachte der Ingenieur Sägewerke zum Laufen und kümmerte sich schließlich ums Gesundheitsmanagement eines Logistikkonzerns.

So richtig wohl in seiner Haut mag er sich dabei nicht gefühlt haben: Seine Suche nach dem Wunschberuf war noch nicht am Ende. Dem Ziel angenähert hat er sich 2007: »Ich hatte ein großes Anwesen gesucht, um meine blöden Ideen zu verwirklichen«, verrät er mit einem Schmunzeln. Fündig wurde er in Klein-Eichen, in der Ilsdorfer Straße 3. Von Walter und Margit Müller kaufte er deren Dreiseithof aus dem 19. Jahrhundert. Wohnhaus, Stall und Scheune - jede Menge Platz für jede Menge »blöde Ideen«.

Eine davon, die er später mit seiner Lebensgefährtin Birgit Aue entwickelt hat, erwies sich alles andere als blöd. Der Name: »Klein-Eichener Hofkäserei«. Gewiss eine Voraussetzung dafür, dass das Geschäftsmodell von Erfolg gekrönt wurde: Beide hatten schon immer einen Hang zur Landwirtschaft, zu Tieren.

Senczkowski verweist dazu auf eine andere schlaue Idee: Zu faul, um die Wiese am Haus zu mähen, hatte er sich, noch in Neustadt, zwei Gänse geholt - sozusagen als schnatternde Alternative zum knatternden Rasenmäher. Mit dem Umzug nach Klein-Eichen hatte er endlich den ersehnten Platz. Und so gehörten bald eine 20-köpfige Schafherde, Ziegen, Hühner, Enten und Schweine zum Hof. Landwirtschaft aber blieb zunächst nur ein Hobby.

Birgit Aue, aufgewachsen in Eckernförde, zog es schon als Jugendliche in die Landwirtschaft. Nach einem Praktikum in einem Milchviehbetrieb hatte sich der Berufswunsch gefestigt. Nur bekam die junge Frau in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt schon mal Sprüche zu hören wie: »Haben Sie denn einen Hof? Ne, dann heiraten Sie ein!« Aue wählte doch lieber eine selbstbestimmte Alternative - und studierte Biologie. »Ist ja ne ähnliche Richtung«, sagt sie heute. Zumal das Studium die segensreiche Rolle von Mikroorganismen vermittelte - Wissen, dass sie später für die Käserei gut gebrauchen konnte.

Doch bis es soweit war, vergingen noch einige Jahre. Von 2000 an arbeitete sie als Software-Entwicklerin bei der Bahn. Ein Bürojob, in Frankfurt. »Es hat mich nie richtig losgelassen«, fährt sie fort, »ich wollte doch viel lieber was draußen und mit Tieren machen.« Oder zumindest etwas, das mehr Bezug zu ihrem Studium hatte. 2008 trat sie daher eine Stelle an der Uni Gießen an, beschäftigte sich mit Tierökologie/Ökoinformatik.

Vor elf Jahren dann lernte sie Udo Senczkowski kennen. »Ich fand es toll, dass er es einfach gemacht, einen Hof gekauft und Tiere angeschafft hatte.« Was Letzteres angeht, gab es bald Zuwachs: Zum Geburtstag erfüllte er seiner Birgit einen nicht so alltäglichen Wunsch: »Einen Gutschein für eine Kuh.«

Drei Jahre später sollte beider Traum von einer Zukunft als hauptberufliche Landwirte erste Gestalt annehmen. Ein konventioneller Betrieb kam nicht infrage, dafür fehlten schon die Flächen. Sie entschieden sich für Milchschafhaltung, entwickelten einen Businessplan, konzipierten die Umbauten. Senczkowski kam da das Ingenieurstudium zupass, nicht nur was Kostenrechnung angeht: Den Melkstand hat er selbst gebaut.

»Ich bin halt ein alter Öko«, erklärt Aue, dass Kunstdünger und bestimmte Kraftfutter-Sorten bei ihrer Hofkäserei tabu sind. Als »Bioland«-Betrieb, steht das Tierwohl im Vordergrund, ist den Schafen etwa im Stall ein Mindestmaß an Platz einzuräumen.

2017 schließlich war alles erledigt, Käserei samt Reifekammer fertig, das Ziel erreicht: »Wir haben aus einer Leidenschaft unseren Beruf gemacht.« Mit 60 Tieren ging man an den Start, heute sind es rund 300, für die nach und nach weitere Wiesen gepachtet werden mussten. Alle Tiere vom ehedem Müllerschen Hof bekommen ungedüngtes, mithin kräuterreiches Gras zu fressen. Das vor allem macht den Geschmack der Produkte aus, die die Klein-Eichener Käserei verlassen. Und natürlich der Enthusiasmus und das nötige Fachwissen, das sich der Ingenieur und die Biologin auf Lehrgängen erworben haben.

»Uns war klar, dass wir eine breite Palette an Produkten und viel aus eigener Herstellung anbieten müssen«, kommt Aue auf die Vermarktung zu sprechen. Die Palette reicht von Joghurt über Frisch-, Weich-, Molke- bis zum Handkäs’ mit Musik. Allerhand Käse eben (dazu aber auch Schafswurst und Lammfleisch).

Nicht vergessen sei der Schnittkäse. Letzterer kann bis zu einem halben Jahr alt werden, schmeckt dann recht kräftig und beißt auf der Zunge. Womit das Rätsel ums »Bissige Schaf« geklärt wäre. Erhältlich ist auch diese Spezialität auf Wochenmärkten in Gießen, Fulda und Bad Homburg, in Lebensmittelmärkten der Umgebung, freitags im Hofladen sowie im Onlineshop.

(Thomas Brückner/Gießener Allgemeine Zeitung)

 
 
Klein-Eichen
Birgit Aue und Udo Senczkowski in der Reifekammer der »Klein-Eichener Hofkäserei«. Foto: Thomas Brueckner
 

 

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