Straßenkehrer von Paris

Die Kurrentschriftgruppe Lardenbach/Klein-Eichen hatte erst zu Anfang des Jahres bei ihren Treffen handschriftliche Berichte aus der Zeit des 19. Jahrhunderts über die Straßenkehrer von Paris gelsesen. Da lag es sehr nahe die Pfarrerin Ingrid Volkhardt-Sandori aus dem Nachbarort Sellnrod einzuladen um über dieses Thema zu referieren. Frau Volkhardt-Sandori beschäftigt sich schon länger mit den Leuten aus Oberhessen, die aus Armut ihre Heimat verlassen haben, um in der Großstadt Paris ein Auskommen zu finden.

Pfarrerin Ingrid Volkhardt-Sandori ist auf die kuriose Geschichte gestoßen als 2013 der Weltgebetstag in Frankreich aus der deutschen evangelischen Kirche in Paris im Fernsehen übertragen wurde. Da sprach sie eine Reiskirchenerin an: »In der Kirche ist meine Urgroßmutter getauft worden.« Das machte die Pfarrerin neugierig. Sie besuchte die Gemeinde in Paris und ging in den Archiven auf Spurensuche. Zurück in Reiskirchen fiel ihr schließlich das Buch »Woher sie kamen, wohin sie gingen« von Marie Herber aus Queckborn in die Hände. Diese hatte die Spuren der Auswanderer rund um Grünberg nachverfolgt.

Ab 1830 zog es zahlreiche Mittelhessen nach Paris. Die Hessen flohen vor den schlechten Lebensbedingungen daheim. Die Auswanderer waren meist arme Leute, die unter anderem unter der Industrialisierung litten. Während es in Frankreich und England schon Fabriken gab, lehnte der Hessische Großherzog von Darmstadt diese ab. Die Folge: Die billigen Exporte aus dem Ausland ruinierten die Kleinbetriebe in Oberhessen. Der handbetriebene Webstuhl konnte mit einer Maschine nicht mithalten. »Das ist das Gleiche, wie wenn heute Textilien aus der Kleidersammlung nach Afrika gehen und dort keiner mehr die heimische Kleidung kauft«, zieht Volkhardt-Sandori eine Parallele.

Sehr viele Oberhessen wurden in Paris Straßenkehrer. Volkhardt-Sandori hat dafür nur eine Erklärung: »Was der eine wohl ausprobiert hat, hat der andere weiter erzählt.« Vielen waren mit ihrer gesamten Familie ausgewandert. In mietskasernenartigen Häusern lebten die Straßenkehrer zusammen. Die Verhältnisse waren sehr beengt. Teils wurden die Betten an Schlafgäste untervermietet. Der Traum vom großen Erfolg erfüllte sich meist nicht. Der Verdienst lag zwischen 1,5 Francs, später bei 2 bis 3 Francs. Morgens um vier Uhr hieß es aufstehen und zur Arbeit gehen. Dabei mussten auch die Frauen und Kinder mit anpacken. Die Männer gingen nochmals nachmittags zum Straßefegen.

Da fast alle Mittelhessen Protestanten waren, wuchs die zuvor kleine evangelische Gemeinde Paris sprunghaft an. Auch eine Schule wurde direkt im deutschen Wohnviertel errichtet – finanziert mit Spenden aus Deutschland. Unterrichtet wurde in Deutsch. Denn die Straßenkehrer konnten die Landessprache nicht: »Es war eine Ehrensache, nicht französisch zu sprechen«, sagt Volkhardt-Sandori. »Die Oberhessen haben sich kein bisschen integriert.« Selbst für die Straßen und Plätze, die sie kehrten, entwickelten sie eigene Namen.

Nicht nur, weil der wirtschaftliche Erfolg ausblieb, zogen viele wieder zurück in ihre alte Heimat. Nach der Schlacht von Sedan im deutsch-französischen Krieg 1870/71 hatte man die deutschen Einwanderer aus der französischen Hauptstadt ausgewiesen. »Das war das Ende der Epoche der oberhessischen Straßenkehrer.«

Mit einigen Fotos und Bildern illustrierte Pfarrerin Volkhardt-Sandori den doch recht langen Vortrag. Als Anerkennung für ihre Darstellungen überreichte die hiesige Pfarrerin Cordula Michaelsen der Kollegin ein kleines Geschenk. Ebenso erhielten die über 30 Besucher des Abends am Dienstag einen kleinen Besen-Sticker zur Erinnerung an die Straßenkehrer von Paris.

 
 
Lardenbach
 
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Pfarrerin Ingrid Volkhardt-Sandori
 
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Besucher im alten Schulsaal des Gemeindezentrums
 
 

 

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