Personalnotstand in den Kindergärten, 1989

Die Elternbeiräte der Kindergärten am Rondell, in der Schulstraße, in den Stadtteilen Lardenbach, Lumda und Reinhardshain sehen sich angesichts eines "Personalnotstandes" in den von der Stadt Grünberg getragenen Einrichtungen veranlaßt, an die Öffentlichkeit zu gehen. In einer Pressemitteilung (7. November 1989) heißt es: "Wir meinen, dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem wir nicht länger schweigen können. Gleichzeitig haben wir eine Resolution an den Landrat des Kreises Gießen mit der Bitte, uns kurzfristige Lösungen anzubieten, verfasst."

Seit Jahren engagieren sich die Eltern und Elternbeiräte für eine Verbesserung der räumlichen und personellen Situation in den hiesigen Kindergärten. Alle bisherigen Bemühungen waren jedoch vergeblich. Die Kindergärten werden als "nicht gewinnbringende Zuschußbetriebe" angesehen. Wir aber sehen in unseren Kindern auch unsere Zukunft, die es sich lohnt zu fördern und zu bezuschussen. Unseren Kindern wird später in Schule und Beruf sehr viel abverlangt werden. Deshalb sollten wir bemüht sein, ihnen eine schöne Kindheit zu gewähren.

Unsere Kinder sind heute anders, selbständiger, lebhafter und auch aggressiver; vor 40 Jahren konnte man vielleicht noch 40 Kinder an einen Tisch setzen, wo sie dann auch blieben. Sie haben nicht mehr so viel Raum sich zu bewegen, Straßenverkehr und andere Gefahren schränken sie vielmehr ein als früher.

Unsere Kindergärten sind wahrlich auch keine Oasen für Kinder. Teilweise viel zu kleine Räume für 25 Kinder führen zu Streßsituationen. Es steht für 25 Kinder nur eine Erzieherin zur Verfügung, die sich so kaum noch um das einzelne Kind kümmern kann. Differenziertes Arbeiten in kleinen Gruppen, Förderung einzelner Kinder und die so notwendige Sprachförderung und Integration der Aus- und Umsiedlerkinder sind fast nicht möglich. Hierzu kommt noch die besonders schwierige Situation der Asylantenkinder.

Hier sind nur einige wichtige Punkte genannt. Für alle so nötigen Aufgaben steht nur eine Erzieherin zur Verfügung. Wenn dann auch noch etwas Unvorhergesehenes geschieht, zum Beispiel Unfall, Telefongespräch und so weiter, und diese eine Erzieherin muß kurz den Raum verlassen, sind 24 Kinder allein. Wer kann das verantworten?

Die Leiterinnen der Kindergärten haben keine ausgebildete Fachkraft, die sie vertreten oder entlasten könnte. Für verwaltungstechnische Aufgaben, Vor- und Nacharbeiten, Betreuung und Ausbildung von Vorpraktikanten, Elterngespräche oder auch für Gespräche und Vorbereitungen mit ihren Kolleginnen bleibt ihnen kaum Zeit. Selbst der Gang zur Toilette muß teilweise mit Kinderbegleitung stattfinden.

In einer solchen Situation wird nicht einmal ein Kind, dass sich kurz entschlossen auf Blümchenfang machte, vermißt. Unsere Kindergärten werden zu Verwahranstaltungen degradiert und sind zudem noch "unrentabel". Wir wehren uns dagegen! Unser Ziel ist es, den Gruppenleiterinnen eine zweite Fachkraft zur Unterstützung bei ihren vielfältigen Aufgaben zur Seite zu stellen."

(AZ)

 
 

 

back top next