Bauernhöfe werden Industriebetriebe, 1961

Längst hat der hessische Bauernhof aufgehört, ein Reservat idyllisch-altväterlicher Lebensweise zu sein. Lämgst hat die Rationalisierung auch in der Landwirtschaft ihren Einzug gehalten, um auch hier - wie in der Industrie - die Arbeitslücken zu überbrücken. Oft hört man die Frage, ob man überhaupt rationalisieren könne, was von Wind und Regen, von Erde und Sonne abhängt. Doch gilt es auch in der Landwirtschaft, den Arbeitsablauf besser zu organisieren, die vorhandenen Kräfte besser einzusetzen, um mit möglichst geringem Arbeitsaufwand hohe Leistungen zu erziehlen. Auch hier wurde der Weg der Entwicklung von der Technik gewiesen.

Der immer spürbarer werdende Mangel an Arbeitskräften zwingt deshalb auch die hessische Landwirtschaft mit ihrer Vielzahl von Kleinbetrieben zu immer größeren Anstrengungen und Kapitalinvestitionen für die Mechanisierung. Es ist noch keine zehn Jahre her, dass man in hessischen Gegenden das Getreide mit der Sense schnitt, es mit Pferden und Kühen in die Scheunen fuhr und dann mit Dreschflegeln ausdrosch. 242 Arbeitsstunden waren damals nötig, um ein Hektar Getreide auf diese Weise abzuernten und zu verarbeiten. Heute benötigt der Landwirt mit dem Mähdrescher nur noch elf Arbeitsstunden.

Noch im Jahre 1952 gab es in ganz Hessen nur 117 Mähdrescher, Sie konnten meist nur von größeren landwirtschaftlichen Betrieben erworben und benutzt werden. Heute ist ihre Zahl auf über 2200 angestiegen. Sie wächst ständig weiter, weil sich auch Kleinbetriebe moderne Mähdrescher zunutze machen können, indem sie die Maschinen entleihen oder mehrere Betriebe sich einen solchen Drescher kaufen.

Aber auch das Pferd verschwindet mehr und mehr im Zuge der Rationalisierung aus der Landwirtschaft. Während 1950 in Hessen noch 115 000 Pferde in der Landwirtschaft verwendet wurden, sind es heute keine 63 000 mehr. Der Traktor hat seinen Siegeszug angetreten. 1950 gab es in der hessischen Landwirtschaft nur 4700 Schlepper und Traktoren, die zuletzt vom Statistischen Landesamt ermittelte Zahl stammt aus 1959 und lag bei 57 800. Es dürften heute etwa 62 000 sein, also genauso viel Schlepper und Traktoren wie noch Pferde vorhanden sind.

Vieles mag gegen die Mechanisierung der Landwirtschaft gesagt werden, weil sie einen idyllischen Zustand beendet. Aber sie hat dazu beigetragen, dass heute drei Arbeitskräfte auf der gleichen Fläche ausreichen, um den Nahrungsbedarf von 40 Menschen zu erwirtschaften, wo die gleiche Zahl an Arbeitskräften zur Jahrhundertwende nur 16 Menschen befriedigen konnte.

(Grünberger Heimat Zeitung, 21. September 1961)

 
 
Klein-Eichen
Walter, Albert und Lucy Müller und der erste Traktor im Dorf (zu Beginn der 1950er Jahre)
 

 

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